Leute auf Bäumen
„Guckemal-daaa, guckemal-daaa, guckemal-daaa!“
„woo-bisse-duu, wooo-bisse-duuu!“
„Wovon reden die denn da?“, fragte das weiße Huhn Galina.
„Das wissen sie selber nicht“, sagte die Waldmaus verächtlich. „Das sind Leute auf Bäumen. Dummes und geschwätziges Volk.“
„Tirili, guckt euch mein Kehlchen an, das roteroterote!“
„Tralala, mein Schwänzchen ist viel röter!“
„Was für ein Unsinn!“, ereiferte sich die Waldmaus.
„Sie singen aber doch so schön!“, sagte das weiße Huhn.
„Was die singen schön?“ Die Waldmaus schwoll an vor lauter Verachtung. „Die singen so schön! Na hör mal, du! Die singen so schön! Die plärren doch alle ganz und gar durcheinander. Die sind doch alle verrückt da oben, auf ihren Bäumen, völlig plemplem, verstehst du, was ich meine? Vorne plärren sie und hinten lassen sie ihren Unrat fallen.“ Angewidert von so viel Unverstand wandte sich die Waldmaus von Galina ab und verfiel in laute Selbstgespräche, die sie beim Davontrippeln wie ihren Schwanz hinter sich herzog: „Die singen doch so schön! haste sowas schon gehört!“ Ihr Po wackelte, dann war sie verschwunden.
Leute auf Bäumen. Galina blickte nach oben. Es sah so leicht aus, wie sie von Ast zu Ast flatterten. Hell war es dort, denn die Sonne schien in die Baumkrone hinein und verbreitete darin ein herrliches grünes Licht. Hier unten, auf dem Waldboden war es schattig. Der Fuchs lauerte irgendwo, er musste keine scharfen Augen haben. Ein weißes Huhn im Wald war wie eine Bratwurst in der Mitte von Kartoffelbrei. Für Galina gab es kein Mauseloch. Ein Mensch hatte außerdem ihre Flügel gestutzt. Sie würde auf keinen Baum hinaufgelangen, wenn der Fuchs kam. Das ist auch der Grund, dachte Galina, warum es mir heute noch nicht in den Sinn gekommen ist, „tirili“ oder „tralala“ zu sagen.
©anke reimann/oktober 2009
(das weiße Huhn Galina ist auf dieser Internetseite unter "Galerie", Unterpunkt "Postkarten" sowie auch unter "Galerie", Unterpunkt "Tiergeschichten" zu sehen)